Als Diabetiker auf Reisen

Ein Diabetiker auf Reisen in den Süden
Ein Diabetiker auf Reisen

Wenn man als Diabetiker auf Reisen ist, dann ist das jedes Mal eine Art Herausforderung. Zumindest, was den Blutzuckerspiegel betrifft. Zu hoch, zu niedrig, im Zielbereich…….Diabetes wird dadurch kompliziert, dass wir für den Blutzucker eine Art ‘Schlauchüberwachung’ anwenden müssen. Das bedeutet, es gibt zu hoch und zu niedrig. Dazwischen, also in diesem Schlauchbereich, sollte der BZ-Wert liegen. Als Diabetiker auf Reisen kann das eine Herausforderung sein. Hier mal, ein nicht immer ernst gemeinter Tagesablauf eines Diabetikers, auf dem Weg von Shanghai in den Süden Chinas.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

….oder wird der frühe Wurm vom Vogel gefressen? Shanghai ist kalt dieses Jahr. Saukalt. Jetzt bin ich fast 10 Jahre hier, ich kann mich nicht dran erninnern, dass es Mitte März jemals so kalt gewesen wäre. Nachts hat es nur unwesentlich mehr als 0 Grad, morgens um 5:30 Uhr sind es um die 6-8 Grad. Ich weiss das, weil ich gestern Morgen um 5:30 Uhr draußen stand und auf das Taxi gewartet habe. 5:30 Uhr! Das heisst, ich bin gegen 3:30 Uhr aufgestanden. Meine Laune war entsprechend. Meine Kleidung trug nicht gerade zur Verbesserung meiner Laune bei. 6 Grad und 95% Luftfeuchtigkeit sind eine drecks Kombination. Kommt dann noch Wind hinzu, dann fühlt sich das eiskalt an. Da stand ich also – im Wind – angezogen mit ähnlich vielen Lagen, wie sie eine gesunde, mittelgroße EU-Zwiebel, mitbringt. Im Stehen frieren, bei Bewegung sofort schwitzen. Ich hasse das……………Mein Nüchternblutzucker am Morgen lag bei 108 mg/dl. Das ist zwar tolerierbar, aber für mich ein bisschen hoch.

Essen im Flugzeug

Um es ganz einfach zu sagen, sitze ich im Bauch eines Flugzeuges, dann bleibt mein Bauch leer! Auf Inlandsflügen gibt es bei China Eastern: Brot, Obst und Reisschleim. Gott bewahre, wollen die mich ins Koma schicken?! Da ich auch zuhause nichts gefrühstückt hatte – es war einfach noch zu früh – stieg mein BZ-Wert natürlich weiter an. Meine Leber ist da leider sehr zuverlässig. Um 9 Uhr lag ich also bei 126mg/dl. Das Messen im Flugzeug hat enorme Vorteile…….plötzlich hat man mehr Platz, weil der neben einem Sitzenden alles dran setzt, so weit wie möglich von Dir weg zu kommen. Blut! Da fließt Blut! Und schon setzt beim Sitznachbarn der natürliche und hoffentlich stark ausgeprägte Fluchtinstinkt ein. Herrlich. Ich danke der Natur dafür. Hunger hatte ich nicht verspürt, aber um den Anstieg zu stoppen habe ich zwei Bissen des Brotes verschlungen. Dies genügt mir, um den weiteren Anstieg zu stoppen und die Insulinausschüttung anzukurbeln.

Ankunft im Süden

Im Flugzeug, während des Fluges, bist Du ganz froh, mehrere Lagen Kleidung zu tragen. Dort blasen sie eiskalte Luft rein. Anders sieht das nach Ankunft im Süden aus. Die Flugzeugtür öffnet sich um – Bäng! – 20 Grad und tropische Luftfeuchtigkeit schlagen Dir ins Gesicht. Sofort sammelt sich Wasser, in Form von Schweiß auf der Stirn. Schlimmer noch, Du spürst wie sich das Wasser untern den Achseln sammelt und hast den Eindruck, dieses Wasser grinst Dich an und sagt: ‘Alter, ab jetzt und hier versagt Dein Deo!’. Und genau so ist es auch. Das Deo wird zum Totalausfall. Unter der linken Achsel wächst ein dunkler Fleck, welcher mit etwas Fantasie ausschaut wie die Umrisse von Europa. Unter der rechten Achsel dagegen scheint der Kontinent Afrika am Entstehen zu sein. Mich beseelt in so einer Situation nur ein Gedanke und der ist, raus auf dem Flugzeug. Den Flughafen betretend bereust Du keinesfalls, dass Du die Winterjacke noch trägst. 14 Grad kalte, trockene Luft schlägt Dir von den Decke entgegen. Die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren. Jetzt heisst es an das Kofferband zu spurten! Wenn in China etwas sehr schnell geht, dann ist es die Koffer vom Flugzeug auf’s Band zu bringen. Nach einem Spurt von 1km Länge – wieso muss in China alles so groß sein – kommst Du trotz Klimaanlagen total durchnässt am Kofferband an. Europa und Afrika feiern mittlerweile Vereinigung. Die beiden Schweißflecke vereinigen sich ohne aufhebens in der Mitte meiner Brust zu einem einzigen Kontinent. Man muss sich das vorstellen! Ich trage Schießer Feinripp drunter, welches locker 700ml Wasser aufsaugen kann. Anders ausgedrückt: ich schwitze wie ein Schwein.

Wer jetzt aber denkt, das ist alles, was ein Diabetiker auf Reisen erlebt, der hat sich getäuscht. Schlimmer geht immer………

Das Kofferband

Auch so ein Kofferband kann in China durchaus 500m lang sein. An dieser Stelle frage ich mich wiederum selbst: wieso gibt es in China nix mit einer normalen Größe? Dort angekommen siehst Du dann, wie Dein Koffer kurz davor ist, wieder vom Ende des Bandes verschlungen zu werden. Also nochmals: Spurten ist angesagt, den kriegst Du noch…………….doch nicht. Weg ist er. Also läufst Du jetzt die 500m vom Bandende zum Bandanfang, um den Koffer dort vom Band zu ziehen. Europa und Afrika dehnen sich in Richtung Bauchnabel aus. Jetzt reicht’s! Kittel aus und mit roher Gewalt in den ohnehin schon prall gefüllten Rucksack gestopft. Dieser sieht jetzt aus, was würde er jeden Moment platzen. Die Chinesen starren mich an. 90% von denen können nicht schwitzen. Da ist so ein Typ, mit dunkelblauen Kontinenten auf seinem hellblauen Hemd eine Sensation.

Im Auto

Am Ausgang steht dann auch schon der Fahrer mit dem Firmenschild in der Hand. Na bitte, das läuft doch. Falsch. Nicht ‘das’ läuft doch. ‘Wir’ laufen. Und zwar bis zum Ende des Parkplatzes. Hatte ich es schon erwähnt? In China gibt es nix kleines. Selbst Parkplätze haben ungeahnte Dimensionen. Europa und Afrika gibt es nicht mehr. Die Kontinente sind komplett verschmolzen und selbst Schießer Feinripp hat aufgegeben. Das Wasser läuft mir ungebremst den verlängerten Rücken runter. Ja, ja. Als Diabetiker auf Reisen kann man was erleben. Nach 20 Minuten strammem Fußmarsch schnell den Koffer und den Rucksack in den Kofferraum geworfen. Und los ging’s. Das mit dem Rucksack war ein fataler Anfängerfehler! Bereits nach 500m Fahrt – leider schon auf der Autobahn – spürte ich, wie sich mir die Nackenhaare sträubten. Das passiert immer, wenn ich nassgeschwitzt bin und mich 14 Grad kalte Luft aus der Klimaanlage anbläst. Mir wird jetzt klar, wieso die Dinosaurier ausgestorben sind! Es kam eine Eiszeit über Europa und Afrika…………ich kann mich nach ein paar Minuten kaum mehr bewegen. Die Kontinente auf meinem Hemd haben sich wieder getrennt, scheinen aber total vereist zu sein. Und meine geliebte Jacke liegt im Kofferraum.

Im Hotel

Im Hotel angekommen kamen mir die 20 Grad dort richtig warm vor. Nach all dem Erlebten war ich jetzt hungrig wie ein Wolf. Kein Unterzucker, sowas kenne ich nicht. Aber Hunger!

Im Zimmer angekommen lag sie dort! Dunkel, verführerisch, bereit sie von der unnützen Hülle zu befreien und genüßlich über sie herzufallen! Und genau das habe ich getan. Ich habe sie in die Hand genommen, die Hülle mit den Zähnen aufgerissen und die ganze Süßigkeit in Form eines Snickers auf einen Happs gefressen………jaaa, viele werden es nicht wissen, aber auch der Chinamann ist ein Mensch. Mit dem Ergebnis, dass ich um halb sechs einen Blutzuckerwert von 8,5mmol/l hatte und trotzdem noch hungrig war.

Gegenmaßnahmen

Also mussten geeignete Gegenmaßnahmen her. Rein in die Sportklamotten und rauf auf’s Fahrrad im hoteleigenen Fitnessraum. Das wirkt immer. Um 19 Uhr konnte ich dann mit einem Wert von 3,8mmol/l zum Essen gehen. Mit gutem Gewissen. Ich liebe den Süden 🙂


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